Anatol Donkan fertigt 7,70 Meter langen Einbaum für den Geschichtspark
In der Werkhalle vor dem Geschichtspark riecht es nach frischem Holz. Eintöniges Klopfen, wie das Hämmern eines Spechtes am Baumstamm, dringt ins Freie. Doch hier ist kein Vogel bei der Arbeit. Anatol Donkan schält mit Spezialwerkzeug kleine Hackschnitzel aus einem riesigen Baumstamm. Drei Wochen braucht er, dann ist der Einbaum fertig.
Rund drei Wochen wird Anatol Donkan brauchen, um den Einbaum aus der mächtigen Pappel herauszuarbeiten. Beim Aktionstag "Fisch im Mittelalter" wird das Werk präsentiert. Bild: Grüner
Seit Tagen ist der Sibirier damit beschäftigt, den Bootstyp aus grauer Vorzeit für den Geschichtspark zu bauen. Die Pappel, aus der er den Einbaum fertigt, ist 13 Meter lang. An der dicksten Stelle weist der Baum einen Durchmesser von einem Meter auf. Gewachsen ist der Baumriese in der Gegend um Schönficht. Spendiert hat ihn die Arge Fisch.
Für den Einbaum verwendet Anatol das 7,70 Meter lange Mittelstück, das einen Durchmesser von rund 70 Zentimetern hat. Wie es sich für den Geschichtspark gehört, wird hier nicht irgendein Einbaum fabriziert, sondern selbstredend einer nach historischem Vorbild nachempfunden.
Das Original dafür wurde bei Ausgrabungen eines westslawischen Siedlungsgebietes in der Nähe von Grzybowo in Polen gefunden. Der Einbaum ist in drei verschieden große Einheiten unterteilt. In der kleinsten Abteilung am Heck des Bootes, transportierten in früheren Zeiten Fischer ihre Netze. Der mittlere Teil war quasi das Steuerzentrum. Dort saßen oder standen die oder der Fischer und paddelten beziehungsweise stakten, je nach Wassertiefe, um vorwärts zu kommen. Speere mit Dreizack, mit denen sie schwere Fische ins Boot hievten, gehörten ebenfalls zur Ausrüstung im Fischerboot. Den größten Bereich im Bug des Einbaums füllten sie einige Zentimeter mit Wasser. Dort hälterten die Fischer ihren Fang. Schon damals wurde rege Handel getrieben. So fuhren die Fischjäger von Dorf zu Dorf und tauschten oder verkauften Teile ihres Fangs.
Pappeln wachsen kerzengerade und seien deshalb das ideale Holz für Einbäume, erklärt Donkan. Auch im Mittelalter habe es Spezialisten gegeben, die Einbäume für andere bauten, also schon so etwas wie eine eigene Handwerkszunft. "Bei guter Pflege hält ein Einbaum zwei, manchmal sogar drei Generationen", erklärt Anatol. Einbäume dienten natürlich nicht nur der Fischerei. Damit wurde alles transportiert, was auf dem Wasserweg von A nach B geschafft werden musste.
40 Zentner kann ein Einbaum der Größenordnung, wie ihn Anatol Donkan für den Geschichtspark gerade baut, locker transportieren. Mit speziellen Haumeißeln schält er Schnipsel für Schnipsel aus dem mächtigen Baum. Wie Hackschnitzel, die Großhäcksler produzieren, sehen diese Späne aus. "Die werden nicht einfach weggeworfen", betont Projektleiter Benjamin Zeitler. "Bei uns gibt es keinen Abfall. Das Holz ist guter Zunder für die Öfen im Dorf." Dreieinhalb Zentimeter dick werden die Außenwände des Einbaums sein, wenn Anatol sein Werk vollendet hat. Ist das Boot ausgeschält, reibt Anatol die Außenwände mit brennenden Fackeln aus Birkenrinde ab.
Die Rußpartikel verbinden sich mit dem Holz und halten schädliche Mikroorganismen und Insekten fern. Ein natürlicher Holzschutz. Schilf-stengel, kunstvoll zu einer Acht geformt dienen als Schleifpapier und bringen den Einbaum auf Hochglanz. Die Seite, die beim lebenden Baum nach Norden zeigte, verwendet Anatol für den Kiel. Die rauere Südseite, dort wuchsen mehr Äste, wird ausgeschält und ist das Innere des Einbaumes. 300 Kilogramm wird das Boot nach Fertigstellung wiegen. Am 3. Oktober findet der Aktionstag "Fisch im Mittelalter" im Geschichtspark statt. Dann wird der Einbaum erstmals zu Wasser gelassen. Am Samstag und Sonntag, 3. und 4. September lässt sich Anatol Donkan von 10 bis 18 Uhr beim Bau des Einbaums auf dem Freigelände vor dem Mittelalterdorf über die Schulter schauen.
Aus Der Neue Tag vom 02.09.2011, Autor: Norbert Grüner


